Wie schreibt man das Skript eines Museum-Audioguides?

Wie schreibt man das Skript eines Museum-Audioguides?

Wenn Sie für eines der renommiertesten Museen der Welt wie das Thyssen, das Prado oder die Tate arbeiten, brauchen Sie nicht weiter zu lesen: Ihr Audioguide enthält sicher schon Storytelling, Barrierefreiheit, augmented reality und wer weiß, wie viele weitere Funktionen. Und wenn das noch nicht so sein sollte, diskutieren Sie wahrscheinlich schon darüber, wie Sie das alles bald einbauen können.

Aber vielleicht arbeiten Sie für eins der etwa 85 % kleineren deutschen Museen, die noch nicht über einen Audioguide verfügen. Dann stehen Sie wahrscheinlich zum ersten Mal vor der Aufgabe, einen Audioguide zu produzieren und Sie wissen nicht, wo Sie anfangen sollen.

Nun, der allererste Schritt ist wohl das Verfassen eines Skripts. Natürlich kann Ihnen Nubart gerne dabei helfen, aber wenn Sie den Alleingang vorziehen, sind vielleicht die folgenden Empfehlungen nützlich:

Wählen Sie die Exponate, die Sie Ihren Besuchern erklären möchten

Auch wenn Ihr Museum klein ist, wird es nicht möglich oder wünschenswert sein, alle Ihre Exponate im Audioguide zu berücksichtigen. Bevor Sie mit dem Schreiben des Skripts beginnen, überlegen Sie also gut, welche Objekte Gegenstand einer verbalen Erklärung sein werden. Um Ihre Besucher nicht zu überfordern, sollten die Anzahl der Informationen und die Länge der Audiospuren begrenzt sein.

Natürlich sind alle Ihre Exponate eine Erklärung wert und daher wird die Auswahl sicher schwierig sein. Aber Ihre Wahl ist auch ein indirekter Weg, Ihre Besucher subtil zu denjenigen Werken zu führen, die in Ihren Profiaugen eine besondere Aufmerksamkeit verdienen!

Hier sind einige Kriterien, die Ihnen bei der Auswahl helfen können:

  • Das Exponat ist von besonderem historischen oder künstlerischen Wert, ein Highlight für das Museum, das nicht wegzudenken wäre (z. B. die Mona Lisa im Louvre)
  • Das Exponat hat eine Funktion oder Bedeutung, die ohne eine ausgiebigere Erklärung vom Publikum nicht verstanden würde (z.B. ein altes, inzwischen unnachvollziehbar gewordenes Werkzeug).
  • Das Exponat hat vielleicht keinen besonderen künstlerischen Wert per se, es ist aber mit einer interessanten oder bedeutenden Geschichte verbunden, die erzählt werden muss (z.B. die Blumenvase von José González Llorente, die eine wichtige Rolle bei der Unabhängigkeit Kolumbiens gespielt hat).
  • Das Exponat ist an und für sich nicht sonderlich wertvoll, aber es zieht, warum auch immer, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich (z.B. ein Folterinstrument).

Wichtig dabei zu bedenken: die Besucher schenken den Exponaten zu Beginn des Rundgangs viel mehr Aufmerksamkeit als den Späteren. Im ersten Museumssaal ist man noch voller Energie und Interesse, und daher bereit, alle gebotenen Spuren aufmerksam anzuhören. Museumsbesuche sind aber anstrengend. Im Laufe der Zeit stellt sich Müdigkeit ein und der Wunsch, vor einem Objekt zu stehen und die Erklärung zu hören, nimmt rasant ab. Wenn Sie zu viele Erklärungen im Audioguide anbieten, laufen Sie Gefahr, die ganze Energie Ihres Publikums in den ersten Räumen zu verbrauchen. Die letzten Exponate werden oft kaum noch angesehen, geschweige denn, die Erklärung dazu gehört.

Bei Nubart kann man das ein wenig lockerer nehmen, da unsere “Audioguides zum Mitnehmen” nicht zurückgegeben werden müssen. So kann der erschöpfte, aber immernoch interessierte Besucher auch noch später die fehlenden Spuren bequem in einem Café oder im Hotelzimmer anhören.

Sie können die Auswahl Ihrer Exponate aber auch als work in progress betrachten und mit der Zeit verfeinern. Wie bei Nubart vermitteln inzwischen viele Audioguides konkrete Informationen über die meist angehörten Spuren. (Wenn nicht sollten Sie unbedingt darauf bestehen!). Auf diese Weise werden Sie mit der Zeit die Vorlieben Ihres Publikums besser kennen und die selten oder nur halb angehörten Spuren entfernen, verkürzen oder durch andere, geeignetere ersetzen.

Ergänzen Sie die Erklärung der Stücke mit einleitenden Bemerkungen.

Obwohl man es so am ehesten gewöhnt ist, müssen sich Audioguides nicht nur auf die Erläuterung einzelner Exponate beschränken. Sie können auch einführende Bemerkungen zum Kontext hinzufügen, z.B. um die Eigenarten einer bestimmten Epoche zu skizzieren oder um einige allgemeine Bemerkungen über den Künstler zu machen, dessen Arbeit Sie präsentieren.

Denken Sie aber daran, dass das in der Regel die anstrengensten Spuren für die Besucher sind, da es dabei nichts Konkretes anzusehen gibt. Halten Sie sich an das Wesentliche und versuchen Sie, diese Spuren besonders attraktiv und kurz zu machen.

Beziehen Sie die Originalstimmen von Kuratoren und Künstlern ein

Authenticity sells! Wie wäre es, wenn der Künstler Ihnen höchstpersönlich seine Werke erklärt? Der Gehörsinn ist stark mit unseren Emotionen verbunden, und diese fiktive Nähe zu der Stimme des Künstlers hat etwas ganz Besonderes.

Das können Sie auch mit dem Kurator einer Ausstellung tun. Kuratoren werden oft von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen und viele sind dankbar für die Möglichkeit, ihren Standpunkt zur Konzeption der Ausstellung oder zur Auswahl eines bestimmten Werkes darzulegen.

Gerade bei Sonderausstellungen ist die Zeit knapp und es ist nicht immer möglich, Inhalte über den Katalog oder die Plakate hinaus zu generieren. Direkte, spontan aufgenommene Darstellungen sind dagegen relativ einfach und schnell zu organisieren. Wenn es absolut keine andere Möglichkeit gibt, können Sie sie sogar via Skype aufnehmen: Die Authentizität der Originalstimme wird die unperfekte Aufnahmequalität übertrumpfen. (Mitarbeiter der Tate oder des MOMAs: bitte nicht aufregen! Wir haben ja schon gesagt, dass wir uns mit diesem Beitrag an kleinere Museen wenden, die sich vielleicht weder aufwendige Content-Agenturen noch Studio-Tonaufnahmen leisten können, und trotzdem ihren Besuchern eine informative Erklärung der Ausstellung anbieten möchten).

Um selbstaufgenommene Aufnahmen auch in einer anderen Sprache verfügbar zu machen, ohne auf die Authentizität der Originalstimme zu verzichten, überspielen wir sie in Nubart wie man es aus dem Radio oder Fernsehen kennt: als wenn es eine Simultanübersetzung wäre. Hier zum Beispiel die Stimme der Kuratorin Christiane Stoebe bei unseren für den Skulpturensommer Pirna produzierten Audioguides: Nubarts nur-digitalen Audioguide für den Skupturensommer Pirna 2018 (Hans Scheib9)

Denken Sie daran: Sie schreiben für Zuhörer, nicht für Leser!

Manche Museen nehmen sich die Produktion eines Audioguides nur vor, um anderssprachige Besucher zufrieden zu stellen. Dabei verfallen sie oft in die allzu verständliche Versuchung, einfach den bereits vorhandenen Erklärungstext der Saalblätter oder die Beschreibungen an der Wand zu übersetzen und, so wie sie sind, als Skript für den Audioguide zu verwenden.

Wie viele Touristen Sie auch haben mögen, ein Großteil der Besucher wird wohl immernoch aus Ihrem Land stammen. Ein Audioguide erfüllt nicht nur den Zweck, den Touristen die ausgestellten Werke zugänglich zu machen, sondern auch für lokale Besucher die im Raum vorhandenen Informationen zu erweitern. Wenn Sie nur eine Audioversion des Textes anbieten, den der lokale Besucher sowieso auf Deutsch an den Wänden des Raumes lesen kann, führt das oft zu Enttäuschungen, die im schlimmsten Fall kurz danach in Tripadvisor oder Google zu lesen sind. Daher sollte man sich unbedingt die Zeit nehmen, das vorhandene schriftliche Material anzupassen oder zu verbessern. Natürlich kann man dagegen argumentieren, dass es trotzdem praktischer und angenehmer ist, solche Texte vorgelesen zu bekommen, statt sie im Saal selbst lesen zu müssen. Aber gerade wenn die Besucher für den Audioguide gezahlt haben, werden sie das mit ziemlicher Sicherheit anders sehen.

Einen Text für einen Audioguide zu “verbessern” bedeutet selten, mehr Fakten und Zahlen zu nennen. Im Gegenteil, die Konzentration eines Zuhörers ist ganz anders als die eines Lesenden. Es ist meistens am besten, wenn Ihr Audioguide auf die Angaben zu Höhe, Breite, Tiefe und Gewicht eines Exponates verzichtet: Geschrieben können solche präzisen Daten sinnvoll und wichtig sein, wer sie dagegen hört wird sie sofort wieder vergessen. Reduzieren Sie Daten und Fakten auf das Wesentliche.

Aus dem gleichen Grund ist es nicht empfehlenswert, lange Sätze und den berüchtigten deutschen Schachtelsatz zu strapazieren. Normalerweise wird Ihr Besucher beim Zuhören stehen - sich also in einer relativ unbequemen Lage befinden. Versetzen Sie sich in seine Situation und lesen Sie erstmal laut und stehend vor, was Sie geschrieben haben. Wenn Sie Schwierigkeiten beim Lesen haben, wird es dem professionellen Sprecher ebenfalls schwer fallen, diesen Text flüssig und natürlich rüberzubringen. Machen Sie lieber zwei Sätze aus einem wann immer es geht.

Sie können einen Audioguide für Kinder oder einen für ein sehr professionelles und gebildetes Publikum erstellen; Sie können Ihrem Besucher sogar die Möglichkeit bieten, zwischen verschiedenen Spuren oder Schwierigkeitsgraden zu wählen: Aber in der Regel soll Ihr Audioguide die Bedürfnisse der Allgemeinheit befriedigen, nicht die eines Experten. Vermeiden Sie daher Fachjargon oder branchenspezifische Kenntnisse, auch wenn Ihnen als professionellem Kurator oder Akademiker das einfache Register ein wenig unpräzise vorkommen mag. 99% Ihrer Besucher werden es zu schätzen wissen (und die restlichen 1% können jederzeit in den Museumsshop gehen und den Katalog kaufen!).

Wenn Sie den Audioguide wirklich verbessern möchten, verwenden Sie Anekdoten oder Kuriositäten, die mit dem Exponat zu tun haben: es wird Ihrem Besucher helfen, sich nicht nur an dieses bestimmte Werk zu erinnern, sondern auch an Ihr Museum. Und darum geht es ja zum Teil auch!

Berechnen Sie die Länge des Audioguides

Informationen zusammenzufassen ist eine Kunst und eine Herausforderung. Aber es gibt nichts Bedrückenderes für einen Besucher als eine zu lange Tonspur im Audioguide. Drei Minuten bequemes Sitzen daheim auf dem Sofa vergehen im Fluge, aber drei Minuten stehend unter lauter fremden Leuten kann eine Ewigkeit sein.

Habe ich drei Minuten geschrieben? Das ist schon zu viel! Die ideale Länge einer Audioguidespur beträgt weniger als zwei Minuten. Wir haben das überprüft, Stoppuhr in der Hand: Die Spuren der besten und von den Besuchern am meisten gelobten Audioguides überschreiten selten zwei Minuten.

Bedenken Sie bei der Skriptverfassung, dass eine Minute gesprochener Text in etwa 110-130 Wörtern entspricht. (Das nur auf Deutsch, bei den romanischen Sprachen sind es mehr). Um bei Ihrem Skript auf Nummer sicher zu gehen, lassen Sie die Spuren Ihres Guides nicht viel länger als 250 Wörter sein.

Traurig, aber wahr: egal, wie viel Mühe Sie sich damit geben, die wenigsten Ihrer Besucher werden alle Spuren Ihres Audioguides hören. Das schöne an einem Audioguide ist ja gerade, dass man wählen kann, für welche Exponate man zusätzliche Information haben möchte. Dennoch sollte die Gesamtzeit aller Tonspuren nicht die Zeit überschreiten, die ein Besuch der Ausstellung ohne Audioguide in Anspruch nehmen würde. Wahrscheinlich haben Sie schon längst die durchschnittliche Verweilzeit der Besucher in Ihrem Museum berechnet: die ideale Länge eines Audioguides ist die Hälfte dieser Zeit. Wenn Ihre Besucher also normalerweise eine Stunde in Ihrem Museum verbringen, sollte Ihr Audioguide in etwa eine Gesamtdauer von 30 Minuten haben.

Als Kurator, Kunsthistoriker oder Museumsprofi sind Sie sicher die geeigneteste Person um die relevanten Informationen zu Ihren Exponaten schriftlich für den Audioguide zu verfassen. Womöglich macht Ihnen diese Arbeit auch Spaß! Damit haben Sie das Wesentliche geleistet. Den Rest -Übersetzungen und Vertonungen– können Sie jetzt guten Freelancern, einer Agentur oder uns in Nubart anvertrauen.

Ansonsten: Wertvolle Information über “Schreiben fürs Hören” finden Sie auch hier im immer lesenswerten Blog von Dr. Tanja Praske

Sind Sie mit diesen Punkten einverstanden? Möchten Sie noch etwas hinzufügen? Hinterlassen Sie uns doch einfach einen Kommentar!

Bei Nubart produzieren wir innovative und kostengünstige Audioguides.

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Über Rosa Sala

Dr. Rosa Sala ist CEO und Gründerin von Nubart

Berlin / Barcelona

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